Krzysztof Mik

 

All denen, die den Augenblick nutzen

 

Weil es unsere Stadt auf keiner Landkarte gibt, kann man hier ausschließlich geboren werden oder sterben. Von außen kann man hier weder mit dem Bus noch mit dem Flugzeug, auch nicht durch Zufall hinkommen.

Unsere Stadt befindet sich dennoch auf allen der Millionen Ansichtskarten, die tagtäglich weltweit verkauft werden. Genauso sieht bei uns der Himmel aus. Genauso der Sonnenuntergang. Genauso der Horizont, auf dem sich die Berge und das Meer vereinen.

Unsere Stadt ist nicht nur das sprichwörtliche letzte Loch. Sie ist ein Schwarzes Loch, von denen unzählige Exemplare durch das Weltall schweben, nur dass man sie nicht sieht.

 

Leider, Orte ohne vierte Dimension sind unkompliziert, also auch langweilig. Dort nämlich, wo nur die Gegenwart herrscht, beweint man nichts und sehnt sich auch nach nichts.
Der Versuch diese Stadt im Punkt A zu beschreiben, der an der Schnittstelle der X- und Y-Achse liegt, mit der Zigarette im Mundwinkel und einem Glas Rotwein in der Hand, hat keinen Sinn. Das ist nicht Joyce`s Dublin. Man sollte, wenigstens für eine Weile, das Prinzip der Heisenbergschen Unschärferelation bei Seite lassen und nicht plötzlich zu einem ausgelesenen, genialen Erzähler werden, sondern einem soliden Schriftführer, Gemeindechronisten. Zu so einem Typen, der in trockenen Abfolgepunkten aufrichtig die Sachlage schildert, dabei kein einziges Komma vergisst.

 

Na dann gehe ich.

Ich befehle mir auf einer Bank im Städtischen Park an einem sonnigen Oktobernachmittag Platz zu nehmen. (Ein Foto so eines Herbst-Parkes hängt im Eingang der Wohnung meines Bruders.)

Warum gerade jetzt?

Weil ich mit Anbetung den farbträchtigen Blättern zuschaue, wenn sie von den Bäumen fallen. Wie wunderschön brechen ihnen Kolonnen disziplinierter Spaziergänger mit schwerem Schuhwerk die Knochen. Ach, dieses Rascheln, ach, dieses Geknister, ach, dieses besonders gelbe, wie aus einer alten Glühbirne, Licht! In ihm ist mehr Wärme vom Hintergrund eines dunklen Schattens, als Helligkeit. Und sicher deshalb unterstreicht es so wunderbar die Feier der zerfallenden Reife, also auch der Vollkommenheit. Ich könnte stundenlang so sitzen, mein eingestecktes Bügeleisen vergessen und meine Frau, die ich gleich neben mich hinsetze.

In Wahrheit unterscheidet sich jeder Bewohner unserer Stadt vom anderen einzig  und allein durch seine kleinen Lieblingssituationen. In ihnen erst empfindet er eine volle Zufriedenheit, Erfüllung und Erleichterung. Für manche  ist es das Sonnenbad bei Vollmond. Für andere das Kaffeetrinken mit einem kräftigen Schuss Rum in Gesellschaft des eigenen Hundes.
Noch für andere das Kreuzliegen in einer Kirche auf kalten Steinplatten an heißen Sommertagen. Und nur deshalb, weil mindestens ein Teil dieser Situationen sich als peinlich, wenn nicht als pervers erweisen könnte, teilt man bei uns die Bevölkerung genau so ein, wie auch anderswo. Zum Beispiel in Kommunisten, Rassisten, Homosexuelle, Atheisten und Fußballfans.

 

Kommen wir zurück zur Parkbank. An dessen Rand setzt sich jetzt meine Frau hin und bohrt gedankenlos mit der Spitze ihres Schuhes ein Loch in der Erde. Meine  Frau hole ich ein wenig gegen ihren Willen hier hin und deshalb ist sie etwas verblüfft, sogar verlegen aufgrund meines Erscheinens. Unbedarft wie ein Kind erinnert sie sich sicherlich nicht, dass wir zum letzten Mal vorigen Montag beim Frühstück miteinander gesprochen haben. Na, und dass seit diesem Treffen im Grunde sich nichts Wesentliches verändert hat. Was soll man da fragen?
Auf was antworten? (Diese Szene kenne ich vermutlich aus einem Film von Bergmann.)

– Was machst du hier? – keucht sie endlich heraus, das hilflose Schweigen unterbrechend.
– Habe vor einzukaufen. Will mir einen schwarzen Becher besorgen.
– Wozu brauchst du einen neuen Becher?
– Könnte es sein, dass du nicht weißt, dass in unserer Stadt jeder seinen Trinkbecher ohne Henkel, ausgeblichen vom Anstarren oder mit abgebröckeltem Rand, hat?
Hier kann keiner leben ohne so einen Becher. Das ist für die Menschen der kostbarste Gegenstand auf der Welt. Sie wärmen ständig ihre Hände an solchen Bechern, teilen dabei ihre Vorhaben und Sorgen mit, treffen irgendwelche wichtige Entscheidungen. Wenn ihnen dieser Trinkbecher aus Versehen zerbricht, schreien sie wütend auf oder weinen, wie kleine Kinder. So ein Becher ist ein unzertrennlicher Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Möglicherweise deshalb, weil er nie etwas sagt, also auch alles verzeiht. Daraus besteht jede wahre Freundschaft. Da die Menschen den Begriff der Zeit nicht kennen, wovon sollen sie auf einmal wissen, dass es sich hier lediglich um eine einfache Gewohnheit  handelt?
– Jetzt verstehe ich auch, warum man in deiner Familie nach dem Tod eines seiner   Mitglieder, sein benutztes Geschirr, als Erbe sozusagen, verteilt.
– Eben. Und dann versucht jeder um jeden Preis diesen Trinkbecher des Toten oder der Toten zu ergattern, von dem die Verstorbenen tagtäglich ihren Kaffee oder Tee getrunken haben.
– Aber warum willst du einen schwarzen Becher kaufen?
– Weil mein letzter so war. Dieser, den du beim Aufräumen der Küchenanrichte zerschlagen hast.

 

Ich habe nicht vor, in das verstimmte Gesicht meiner Ehefrau zu schauen, die sich um irgend welche Erklärungen bemüht, also zwinge ich sie vom Park zu verschwinden. (Dieser Trick ist mir aus Hunderten von Märchen meiner Kindheit bekannt, ganz zu schweigen vom Beamen  aus „Star Trek“). Überhaupt habe ich nicht die geringste Lust ihr nebenbei zu verstehen zu geben, wie wenig sie die lokalen Gepflogenheiten kennt und wie sehr sie in unsere Stadt nicht hineinpasst. Manchmal denke ich geradezu mit Schrecken daran, ob sie womöglich eine Ausnahme ist und zu uns von außen  hereinkam?

Na, und jetzt muss ich mich emotional entladen und geh` vielleicht in den Puff – denke ich. Städte ohne vierte Dimension haben nämlich diesen Vorteil, dass hier alles – angefangen
von der Tulpe bis zum Boxkampf, nur in diesem Moment existiert, in dem es betrachtet wird. Wenn es nicht gesehen wird, gibt es es nicht. Und so, wenn ich meine liebste - Ehrenwort- Ehefrau aus dem Blickfeld verliere, darf ich ohne jegliche Rücksicht, jede Menge Schweinereien anstellen. Das ist ein bisschen so, wie mit dem Zigeunerrecht, das besagt, dass man angeblich erst dann den Dieb zu bestrafen hat, wenn er sich beim Stehlen erwischen lässt. Der Diebstahl in sich, also ein nicht aufgedeckter, hat überhaupt keinen Bestand.


Auf alle Fälle marschiere ich nur zum nächsten Kiosk auf ein Bier. Zu Herrn Zenek, einem schmierigen, arroganten Typen, der sein Leben lang nicht ein einziges sinnvolles Buch gelesen hat, ba! keinen Schulabschluss geschafft hat. Immer aber bäumt er sich gegen die in unserer Stadt herrschende Ordnung auf. Streikt unverschämt als Zeichen des Protestes gegen die allumfassende  Gegenwart, besonders während der städtischen Volksfeste, wenn die durstige Menge dringend etwas zu trinken  sucht.

– Sie waren schon lange nicht bei uns – kichert er, als ob er mich gleich umbringen würde.
(Diese Szene kenne ich aus dem Roman von Raymond Chandler.)
– Na und? – frage ich angriffslustig, mit einem Auge auf eine verbleichte Ansicht unserer Stadt blinzelnd, die schief über der Bar an einem verrosteten Nagel hängt.
– Gar nichts. Aber ich hab`was für Sie. Ich halte das und halte. Wenn ich wenigstens in der Lage wäre zu wissen, wie lange schon. Immer fehlt mir der Mut, Sie anzusprechen.

Ich glaube dieser fetten, schmierigen Kreatur überhaupt nichts, doch behutsam, kaum sichtbar nicke ich zustimmend mit dem Kopf.

– Weil, wissen sie – murmelt er undeutlich und angestrengt, als ob er Heidegger laut vorzulesen versuche – da fällt mir ein Stein vom Herzen. Unser ganzes Leben ist doch eine einzige Jagd nach Erleichterung. So ein Löwe, zum Beispiel, wenn er eine Antilope frisst, befriedigt er seinen Hunger. Und das bringt ihm doch Erleichterung.
 
Ist er verrückt geworden? Oder knallte jemand in unsere Stadt eine Atombombe rein und die, welche am Leben geblieben sind, sind Zombies, Mutanten, die das normale Leben verspotten, in dem man regelmäßig zu Mittag isst und dann ein Fitness Studio besucht? – ich suche intensiv Verknüpfungen. Auf keinen Fall kann ich diese groteske Situation begreifen.
Auch nach einer durchzechten Nacht könnte ich mir so etwas nicht ausdenken und dann noch beschreiben, weil nüchtern käme mir das im Wesentlichem zu grafomanisch vor.
(Diese Szenen kenne ich vom Turpizm* her, aber ich kann diesen nicht ausstehen, ähnlich wie s. g. große Romanciers, die Schnaps saufen, den sie liebenden Frauen aufs Maul hauen und dabei ganz und gar überzeugt sind, dass ihnen all das erlaubt ist, weil sie Talent haben.)

Herr Zenek holt unter der Theke ein kleines Päckchen hervor, das in unser örtliches Tagesblatt eingewickelt ist. Ich bekomme weiche Knie, weil ich das Erscheinungsdatum dieser Ausgabe bemerke. Vor vierzig Jahren. Dabei wird normalerweise die hiesige Presse überhaupt nicht datiert.

Ich lasse es mir nicht anmerken, werfe das zerknitterte, alte Papier weg und hole aus ihm ein kleines, blaues Büchlein heraus, das nach frischer Druckfarbe riecht. Es ist ein Fremdenführer durch die Umgebung, mit Fotos aber – wer weiß warum – von der ganzen Welt. Es befinden sich dort der Eiffelturm, der Niagara-Wasserfall, die Cheops-Pyramide und auch Büffel aus dem Białowieski Urwald. Und ganz am Ende, schief angeheftet mit ungleich ausgefransten Zetteln, baumelt ein Computerausdruck, unterschrieben mit meinem Namen. Ich lese das selbstverständlich. Flüchtig. Aus Neugier. Ohne Spaß. Genau so, als schluckte ich heiße Kartoffeln und eilte zum Zug. Uff! – stöhne ich aus voller Kraft nach Abschluss der Lektüre und hebe meinen Blick nach oben mit dem Ausdruck eines eben totgefahrenen Frosches. So eine Fratze hängt zu Hause über meinem Bett.
(Es befindet sich auf der linken Seite neben dem Hochzeitsfoto.)
                                                                 

– Und was jetzt? – fragt Herr Zenek, einen Sinn für Humor vormachend.
– Diese Erzählung ist genau so, wie ich sie eh geschrieben hätte. Sogar die Pointe stimmt.
Geben Sie mir das Telefon. Ich muss zu Hause anrufen, dass ich gleich da bin. Sie sind sicher beunruhigt.
– Wozu denn? Wenn Sie  jetzt dort nicht da sind, da existieren Sie  dort gar nicht. Glauben Sie  mir, niemand erwartet Ihren  Anruf. Wenn Sie  anrufen, denkt Ihre Frau nur, dass wieder ein Vertreter eine neue Versicherungsform verkaufen will oder sonst was.
– Es geht um einfache Verantwortung.
– Verantwortung? Verantwortung trägt man für Dinge, die man getan hat und nicht dafür, was man tut oder – um so mehr – dafür, was man erst noch tun wird. Und dazu, mein Herr, bedarf es der Zeit. Keine Zeit, keine Konsequenz. Keine Konsequenz, keine Verantwortung. Fertig.

Herr Zenek verspottet mich offensichtlich ins Gesicht. Er weiß genau, dass nach der Lektüre meiner eigenen Erzählung, ich mir im Klaren sein muss, dass ich durch „das Ordnen der Dinge“, also – mir nichts, dir nichts – eine Geschichte schreibend, auf eben diese Weise die Zeit erfinde. Genauso  hirnrissig zufällig, wie irgendwann irgendwer, der mit Kieselsteinen spielte, das Feuer zum ersten Mal entfachte.

Ich beginne Herrn Zenek zu mögen. Schade nur, dass ich bei dieser Gelegenheit zum Untergang unserer ganzen schönen Stadt beitrage.


Aus dem Polnischen übertragen von
Anna Jarząbek-Krücken

Antykwariat - tania książka
Thomas H. Barczyk

Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Wir haben ein offenes Ohr

für Anregungen, Lob und natürlich auch Kritik.

Schreiben Sie uns, was Ihnen an Kulturmagazin Zarys gefällt und was wir in Zukunft noch besser machen können.


Napisz do nas i podziel się z nami swoją opinią o naszym piśmie.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Magazyn Kulturalny Zarys - Kulturmagazin Zarys