"Zarys", Polonia und polnische

Kultur in Deutschland.

 

Mit Roman Ulfik, dem Chefredakteur und Herausgeber

des Kulturmagazins „Zarys“, spricht Marek Tinschert.

 

 

Gegen Ende des Jahres 2011 gabst du die Nummer 10 des „Zarys“ heraus, also ein kleines Jubiläum und mit Sicherheit ein Grund zur Freude, doch ein paar Monate später erklärst du, dass das die letzte Nummer und das Ende des „Zarys“ sei. Woher kommt diese Entscheidung?  

Für die Freude gab es viele Gründe, besonders in den ersten paar Jahren meiner Tätigkeit, als das Erscheinen jeder folgenden Nummer ein Erfolg war. Wenigstens für mich ... Später kam da noch die „Zarys Bibliothek“ hinzu, also ein weiterer Erfolg. Immer positive Rezensionen und Meinungen der Leser und der Autoren, vor allem der Personen, die ich persönlich sehr schätze. Das alles war sicher ein Grund zur Freude und gab mir viel Genugtuung. Übrigens, wie ich glaube, den anderen Mitgliedern der Redaktion ebenfalls ...

Woher also diese Entscheidung zur Einstellung der Schrift?

Stark vereinfachend: Das alles hat mir keinen Spaß mehr gemacht.

 ...?

Weil schließlich von Anfang an der „Zarys“ für mich ein Spiel war, etwas, was mir ein intellektuelles Vergnügen bereiten sollte, ein Sprungbrett aus dem ausgefahrenen Gleis „Arbeit, Heim, Arbeit...“, eine Medizin gegen die Emigranten-Krankheit. Du weißt genau, als ich vor einem guten Dutzend Jahren Bekannten von meiner Idee erzählte, klopfte sich die Mehrheit einfach an die Stirn, folglich tat ich es zum Trotz, um zu zeigen, dass man es kann, ohne Geld, ohne Abmachungen, Beziehungen, Bekanntschaften. Aber nach den zehn Jahren, als der „Zarys“ von Jahr zu Jahr bekannter wurde, als wir um unser Magazin eine vorzeigbare Reihe von Autoren versammelten und wir schon seit einigen Jahren mit jährlichen Dotationen rechnen konnten, als alles sich so fügte, eine Situation, wie ich sie mir zehn Jahre zuvor nicht mal erträumen konnte, da musste ich der Wahrheit in die Augen schauen und mir selbst die zwei Fragen stellen, die mir von anderen schon seit zehn Jahren gestellt wurden: wozu mache ich das und für wen?
Und es zeigte sich, dass all die Gründe, die mich jedes Jahr zum Arbeiten motivierten, irgendwie auf der Strecke einfach verflogen waren. Von dem Vergnügen des Redigierens verblieb die Hetzjagd, um irgendwelche Termine einzuhalten, und statt eines Sprungbretts aus der beruflichen Arbeit hatte ich mir eine zweite hauptberufliche Tätigkeit aufgeladen. Jedes Jahr, etwa zwei, drei Monate bevor die turnusmäßige Ausgabe zum Drucken gegeben wurde, opferte ich meine ganze Freizeit der Zusammenstellung der Ausgabe. Nach dem Erscheinen begannen der Versand, die Abrechnungen, neue Anträge, um Zuwendungen für die nächste Ausgabe zu erhalten, und so im Kreise. Und natürlich alles auf Kosten der Familie.
Außerdem denke ich, dass ich mit dieser Entscheidung einigen Personen Freude gemacht habe, sie erleichtert aufatmeten, weil sie schließlich von Anfang an gewußt hatten, dass dieses Magazin nicht lange durchhält, und wir sind doch deshalb in diesem Jammertal, um anderen Freude zu bereiten, nicht wahr? ...

Und die zweite Frage: für wen?

Zu Anfang, wie ich schon sagte, vor allem für mich selbst, um mich zu beweisen, und später glaubte ich, dass wir die paar hundert Leser unter der deutschen Polonia, den Polen in Deutschland, finden werden. Und hier lag ich falsch, bin ich einfach auf die Schnauze gefallen. Die Mehrheit unserer Landsmänner hier, in Deutschland, befasst sich nur mit der Lektüre der eigenen Sparbücher ... Und hier sehe ich keinen Unterschied, ob das ein Arbeiter ist, der sich am Fließband abrackert, oder ein Intelligenzler, der den sogenannten Hunger nach dem Umgang mit höherer Kultur eigentlich verspüren müsste. Sie alle, in illustrerer Mehrheit, haben in der Summe die selben Ansprüche. Für sie ist Kultur, gleichgültig in welcher Form, zum Leben einfach nicht erforderlich. Haus, Auto, Urlaub, gewiss doch, und wenn schon ein Buch, dann aber unbedingt etwas leichtes.

Du übertreibst! Unter dieser zweimillionenfachen Menge müssten sich doch zweihundert, dreihundert Willige finden, eine solche Schrift wie den „Zarys“ zu abonnieren. Es existiert doch gewiss irgendein Kreis Intellektueller ...

Jetzt bist du es, der übertreibt. Was für Intellektuelle? Ich kenne hier, innerhalb der Polonia keinen einzigen Intellektuellen. Ich kenne niemanden, der an irgendwelchen öffentlichen Debatten teilnehmen, der zu solchen Debatten von deutscher Seite eingeladen würde. Die einzige Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist Basil Kerski. Es gibt ein paar Schriftsteller, die man an den Fingern einer Hand zählen könnte, die sporadisch in den Spalten der hiesigen Presse erscheinen, aber damit endet es auch schon. 

Mithin bestätigt sich leider meine Beobachtung, dass das Polonia-Milieu in Deutschland eher ohne größere Bedeutung verbleibt, schwach oder überhaupt nicht represäntiert, fast nicht sichtbar ist?

Manchmal, um den Schein zu wahren, aus Anlass irgendwelcher Treffen, werden einige sogenannte Vertreter der Polonia eingeladen, aus diesen Treffen ergibt sich zwar üblicherweise nichts, aber diese Herren sind immer sehr zufrieden, weil sie bei solchen Gelegenheiten ihren privaten Geschäften nachgehen. Und so dreht sich das schon seit vielen, vielen Jahren ... Es gibt natürlich Ausnahmen, die aber, wie man weiß, nur die Regel bestätigen.

Was sind das für Ausnahmen?

Alle hundert Jahre erscheint jemand, der sich alles zusammengestellt hat, der weiß, was er machen will, und – was das Wichtigste ist – weiß, wie das zu machen ist, und wenn er dann irgend einen Erfolg hat, wenn der Rest bemerkt, dass er in dem, was er macht, um Lichtjahre besser ist als die anderen, dann gleich, Hurra, macht ihn fertig! Es kann doch nicht sein, dass hier jemand, man weiß noch nicht einmal woher und wie, professionelle Arbeit macht. Weil sie es doch sind, die schon seit zwanzig Jahren um die Polonia und ihre Rechte kämpfen ... Leider mit kümmerlichem Ergebnis, aber wenn jemand erscheint, der Erfolg hat, würden doch ihre Streitsucht und Unfähigkeit für jeden sichtbar klar auf der Hand liegen.

Wird deiner Meinung nach die Polonia in Deutschland von den Deutschen schlecht behandelt? Man spricht viel über das Missverhältnis in der Situation der deutschen Polonia und der deutschen Minderheit in Polen.

Das ist ein umfangreiches Thema, das wir in der letzten, der 10. Nummer des „Zarys“ behandelten. Dieses Missverhältnis besteht bestimmt, darüber wird nicht diskutiert, jede Seite hat ihre Argumente. Die Deutschen möchten die Polen in Deutschland nicht als nationale Minderheit anerkennen, weil das eine Lawine ähnlicher Forderungen anderer nationaler Gruppierungen in Deutschland zur Folge hätte. Ich persönlich bin gar nicht restlos davon überzeugt, ob die Polen hier diesen Status einer nationalen Minderheit überhaupt brauchen. Vielleicht brauchen das nur die wenigen Schreihälse, die aus der „Polonia-Tätigkeit“ für sich ein einkömmliches Geschäft gemacht haben, denn weder mir, noch dir ist so etwas nötig, nicht wahr?
Übrigens spricht mich die Ausdrucksweise nicht an, die in diesen Streitigkeiten von den Polonia-Funktionären benutzt wird: Wir müssen um unsere Rechte kämpfen, wir sind diskriminiert ... usw. Wie du weißt, nahm ich über zehn Jahre lang ziemlich intensiv am Leben der Polonia teil, daher kann ich ehrlich sagen, dass ich nicht den Eindruck habe, wir würden schlechter behandelt als andere nationale Gruppierungen. Ganz im Gegenteil. Ein gutes Dutzend Jahre nahm ich aktiven Anteil an der Gründung und später der Tätigkeit zweier Vereinigungen und habe nie den Eindruck gehabt, die Deutschen würden uns irgendwelche Schwierigkeiten machen, oder dass sie uns, die Polen, die hier in Deutschland eine kulturelle Tätigkeit ausüben möchten, schlechter behandeln als andere Nationen.
Natürlich trifft man schon mal auf unterschiedliche Beamte oder irgendwelche absurden Vorschriften, aber damit kämpfen alle Vereinigungen, ich bin nie auf eine schlechte Behandlung gestoßen. Ganz im Gegenteil, es gab nie ein Problem, das nicht gelöst werden konnte. Meistens reichte ein Gespräch oder eine Mail. Mehr negative Erfahrungen habe ich in Kontakten mit der polnischen Seite. Hier fehlte es an den elememtaren Grundsätzen guter Erziehung. Die Regel ist die Nichtbeantwortung von Briefen oder Mails, es sei denn, es liegt in ihrem Interesse ... Zum Beispiel wenn unser Präsident nach Deutschland kommt, dann laden sie im Rekordtempo jeden möglichen ein, um vorzuzeigen, wie spannkräftig die Polonia ist, die sich bei ihnen  in so vortrefflicher Obhut befindet.

Wenn du „polnische Seite“ sagst, an wen denkst du da: an Institutionen in Polen oder an konsularische Vertretungen in Deutschland?

Das hatte keine Bedeutung, ob dort oder hier ...                  
Das neueste Beispiel ... Vor ein paar Tagen erhielt ich vom Konsulat eine Mail mit der Information, dass Anträge über finanzielle Beihilfen für Polonia-Projekte bis zu diesem oder jenem Termin angenommen werden. Im Großen und Ganzen eine angenehme Nachricht, da es eine Neuheit ist, dass man solche Anträge an das Konsulat richten kann und es ist auch nett von ihrer Seite, dass sie sich so bemühen, damit wir unsere Vorhaben realisieren können, aber... Ja genau, aber der Termin für die Anträge läuft in knapp zwei Wochen aus, du hast also nur wenige Tage, um den Antrag vorzubereiten, Kostenvoranschlag, Angebote, usw. ... Jeder, der ein wenig mit der Sache vertraut ist, weiß, dass das praktisch unmöglich ist. Ich las es durch und wollte mich sogar dafür bedanken, dass man an mich gedacht hatte, aber ich ließ es, weil es mich drängte, zwei Sachen zu machen: Zu fragen, wann ich eine Antwort auf meine letzte Eingabe erhalte, die ich schon vor gut zehn Jahren eingereicht hatte und auf die ich bis heute keine Antwort erhalten habe, und ein gewisses Gedicht von Tuwim zu zitieren. Ich beschloss, dass es jedoch vernünftiger sein würde, kultiviert zu schweigen.
Zusammenfassend hatte ich mit diesen Leuten selten Kontakte, aber ich freue mich, sie schon hinter mir zu haben. Ich betrachte das als eine neue Erfahrung, die mich etwas gelehrt hat, und außerdem verblieben mir einige wirklich lustige Anekdoten, mit denen ich in Gesellschaft glänzen kann (Lachen).

Vielleicht erzählst du wenigstens eine.

Aber wo denkst du hin, diese Leute leben doch noch (Lachen), sie könnten beleidigt sein.

Wenn es also gut so ist, warum ist es dann so schlecht?

Weil das nur und ausschließlich unsere eigene Schuld ist, unsere Unfähigkeit, unsere Mißgunst und Eifersucht, unsere schlechten Gewohnheiten, aus deren Grunde wir seit Jahrzehnten uns nicht vereinigen können, wir nicht mit einer Stimme sprechen können, wir keinen Anteil am politischen Leben diese Landes nehmen, in dem wir leben, obwohl wir uns so leicht integrieren. Unsere Landsleute sind sehr oft erfolgreich im Berufsleben, unsere Kinder haben absolut keine Probleme, sich in dieser Gesellschaft wiederzufinden, nicht selten überflügeln sie in vielen Bereichen die Gleichaltrigen, die keinen Migrationshintergrund haben. Trotzdem haben wir keine Vertreter unter den Politikern dieses Landes, keine Lobby. Wenn in den Medien irgendein polnisches Thema auftaucht, dann wird es entweder von einem deutschen Korrespondenten aus Warschau kommentiert, oder man lädt so jemanden wie Steffen Möller ein. Ich habe noch nie gehört, dass man irgendeinen Vertreter der Polonia um einen Kommentar gebeten hätte.
Deswegen meine ich, dass das unsere Schuld ist, dass wir hier keine großen Organisationen haben, keine Zeitungen und Zeitschriften herausgeben, usw., usw., und für jedes Projekt müssen wir uns um Dotationen bei den Deutschen bemühen, die manche Projekte finanzieren, und manche nicht, weil die Mittel für die deutsche Polonia sehr beschränkt sind. Und dann fängt das Lamentieren an, dass sie Bedingungen stellen, die schwer zu erfüllen sind, dass die Deutschen in Polen so viel, und wir hier soviel weniger...Wenn große Organisationen und Vereinigungen bestehen würden, die einige tausend, oder einige zehntausend Mitglieder zusammenfassen würden, dann würden diese Probleme überhaupt nicht existieren. Vor jeden Wahlen treffen sich die führenden deutschen Politiker mit Vertretern des Vertriebenenverbandes und werben um ihre Stimmen. Nicht deshalb, weil sie meinen, Schlesien und Pommern sollten erneut an Deutschland angeschlossen werden,  sie wissen ganz einfach, dass der Vertriebenenverband einige zehntausend eventueller Stimmen  bei der nächsten Wahl darstellt, um die es sich zu bemühen lohnt.         
Und von uns gibt es hier angeblich 1,5 Millionen oder sogar mehr, wie uns einige Funktionäre der Polonia einzureden versuchen. Und was ergibt sich daraus? Nichts, absolut nichts! Wir sind mehr als diese 1,5 Millionen, nur ist diese riesige Menge von Emigranten, Flüchtlingen, Umsiedlern, usw. nicht die deutsche Polonia. Diese Menschen sprechen Polnisch, besuchen regulär das Land, das sie aus verschiedenen Gründen irgendwann verlassen haben, vergnügen sich gerne auf einem polnischen Silvesterball, aber damit endet auch ihre Pflege der polnischen Identität.
Sie sind nicht hier her gekommen, um hier polnische Chöre, Sportklubs zu gründen und polnischsprachige Zeitungen herauszugeben, sondern um sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu sichern.

Aber in fast jeder größeren Stadt findest du doch irgendeine Polonia-Gesellschaft.

Ja, das stimmt, und gerade das ist die deutsche Polonia. Die paar Dutzend Vereinigungen, Klubs, manchmal privater Aktivisten. Aber auf Landesebene sind das nur eintausend, zweitausend Leute, die sich auf diese oder andere Weise mehr oder weniger intensiv einbringen. Gewöhnlich sind in so einem Verein ein gutes Dutzend Mitglieder, wovon drei oder vier aktiv sind. Ja und sehr häufig ist diese Tätigkeit nur im Namen "kulturell". In den zehn Jahren der Beobachtung kam ich nur zu einer Schlußfolgerung: Wenn die Deutschen beginnen würden, all diese pseudokulturellen Projekte zu finanzieren, dann würde uns hier eine Welle von solchem Schmarren, solchem Kitsch und bunter quasi-Folklore überrollen, dass meiner Meinung nach die einzig sinnvolle Art der Finanzierung dieser Projekte ein von der EU angewandtes Modell wäre, die den Landwirten für das Nichtbestellen ihrer Felder zahlt.

Ist das nicht ein zu schwarzes Bild der Polonia, dass du uns da malst?

Man kann sich darüber streiten. Es gibt natürlich Vereinigungen oder Gruppen, für die meine Beschreibung unpassend ist, aber das sind Ausnahmen, und meistens sind das Jüngere als wir. Diese jüngere Generation hat eine vollständig andere, mir persönlich nähere, Sichtweise darauf, wie eine kulturelle oder Polonia-Tätigkeit, wie man es auch bezeichnen mag, aussehen sollte. Sie möchten mit niemandem "kämpfen", sie realisieren einfach ihre Projekte. Diese Menschen kannst du nicht überreden, in irgendwelche alten Polonia-Organisationen einzutreten, die sie mit Streitereien, dem Begehen von Jahrestagen, die ihnen gewöhnlich nichts sagen, und mit folkloristischen Veranstaltungen verbinden.

Magst du die polnische Folklore nicht? Die Deutschen kommen sehr gerne zu solchen Veranstaltungen.

Ich mag sie, wenn ich in Polen Urlaub mache, aber ich bin überzeugt, dass eine Förderung unseres Landes auf diese Art nichts bringt. Das ist nicht dieses Publikum. Im Übrigen tanzen und pfeifen die Peruaner auf ihren Flöten auf jedem zweiten Marktplatz in Deutschland, aber überträgt sich das auf die Anzahl deutscher Touristen in Peru? Ich bezweifle das.

Was meinst du, könnten politische Änderungen an der Spitze, und was darauf folgt, neue Verantwortliche für die Kontakte mit der Polonia etwas verbessern?      

Dieser Änderungen, Oben und Unten, gab es in den letzten zwanzig Jahren schon so viele, dass ich aufgehört habe, mich zu bemühen, mir diese stets neuen Namen zu merken, aber gleichgültig welche Partei oder Gruppierung, die Tatsache bleibt – die Deutsche Polonia kümmert wirklich kaum jemanden. Was ich im übrigen sehr gut verstehe, denn was für ein Interesse daran sollte denn ein Herr X. haben, der an eine Vertretung in Deutschland für ein, zwei, vielleicht drei Jahre geschickt wurde, wenn sich in der Zwischenzeit die Mannschaft im Heimatland nicht ändert? Was für ein Interesse kann ein einflussreicher Politiker in Polen haben, etwas für die Polonia zu tun? Überwiegend haben sie keinen blassen Schimmer Ahnung von unseren Problemen und im Allgemeinen auch von uns. Wenn in den polnischen Medien ein die Polen in Deutschland berührendes Thema erscheint, geht es natürlich immer um unsere angebliche Diskriminierung hier, dann findet sich irgendein zweitrangiger Politiker, der seinen Senf dazugibt, gewöhnlich ist das eine die breiten Massen erregende Parole der Art: Wir lassen unsere Landsleute in Deutschland nicht diskriminieren, und freut sich dann, dass sein Name für einige Tage in den Medien auftaucht.
Ich lade zum Lesen des Interviews ein, dass ich seinerzeit mit dem für die Angelegenheiten der deutschen Polonia verantwortlichem Konsul durchgeführt habe[1]. Dort erhielt ich auf keine meiner Fragen eine einzige konkrete Antwort. Das war für mich das beste Beispiel dafür, wie sehr sie alle dem Thema verhaftet sind und wie sehr wir sie hier interessieren. Sowohl hier, wie auch zu Hause, geht es doch immer nur um Pöstchen, behagliche Stellungen, Übereinkünfte, Absprachen usw. Sollte jemand dem Trugbild nachhängen, ihnen ginge es um etwas anderes, kann ich ihn nur tief bemitleiden.

Vielleicht sollten wir zu den Anfängen des Magazins zurückkehren. Ich war praktisch bei der Geburt des „Zarys“ dabei, ich weiß also, dass es praktisch aus dem Nichts entstand. Diese erste Nummer, bescheiden dem Umfang nach ...

Das hast du sehr fein formuliert. Wir wissen beide, dass  diese Nummer in Wirklichkeit schwach war. Wenn ich sie mir heute anschaue, einfach zum Grausen. Zum Glück ist die ganze Auflage schon lange vergriffen ... (Gelächter). Aber schließlich habe ich die erste Nummer praktisch ohne jegliche öffentlichen Gelder gemacht. Dieses erste Heft war gewiss nicht der Gipfel editorischer Kunst, jedoch hatten die Texte, die sich darin befanden, auch wenn die Auswahl vielleicht nicht gut durchdacht war, doch ein gutes Niveau. Die Ausgabe eröffnete Wilhelm Dichter, dessen erstes Buch, Das Pferd Gottes für den wichtigsten polnischen Literaturpreis Nike nominiert war, mit einem Fragment seiner neuen Erzählung.    
Und dann ging es schon „bergabwärts“, jedenfalls hatte ich den Eindruck, immer mehr Autoren, auch die bekannten, immer dickere Ausgaben, ab der sechsten zweisprachig...

Ja genau, warum habt ihr eigentlich begonnen, den „Zarys“ zweisprachig herauszugeben?

Gerade in dieser Zeit war der offizielle Herausgeber des „Zarys“ die Gesellschaft SALONik, die wir mit ein paar Personen in Darmstadt gegründet haben. Wir begannen uns um eine Dotation vom BKM (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien; Anm.d.Übers.) zu bemühen und man stellte die Bedingung, die Ausgabe müsse zweisprachig sein. Das passte mir nicht zu meinem Konzept, weil ich in meiner Naivität geglaubt hatte, dass ich das Magazin nur für die Polonia machen würde, aber spätestens nach der Nr. 5 war es schon klar, dass wir unter den Polen hier in Deutschland nicht allzu viele Leser finden würden. Daher denke ich, dass diese Bedingung von der deutschen Seite, anfänglich für mich ziemlich unbequem, weil es noch mehr Arbeit bedeutete, schlussendlich dem Magazin gut tat und seine Lebensdauer um einige Nummern verlängerte. Außerdem zeigte es sich sehr schnell, dass das Interesse an unser Schrift unter den Deutschen viel größer ist, als unter der Polonia. Hauptsächlich Deutsche bestellten und abonnierten unsere Schrift.

Was denkst du, bezieht sich das fehlende Interesse an deinem Magazin – lies: einer mehr elitären Lektüre – nur auf die Polen in Deutschland?

Ich weiß nicht, wie die Situation in anderen Ländern aussieht, wo sich größere Ansammlungen unserer Landsleute befinden, aber ich nehme an, dass das überall so ähnlich wie hier aussieht.

Resignierst du nicht etwas zu schnell? „Zarys“ als völlig neues Angebot auf dem Markt, um so mehr, als an Nischen-Empfänger gerichtet, brauchte Zeit, um sich als Marke zu etablieren. Es tritt noch hinzu, dass die letzten Jahre eine Zeit sind, in der elektronische Medien wirksam Papier-Ausgaben verdrängen. Vielleicht lohnt es sich, die Arbeit zu kontinuieren, sich auf diese neue Methode des Erreichens des Lesers einstellend?

Ich glaube, dass zehn Jahre genug Zeit sind, um solch eine Schrift wie den „Zarys“ auf dem Markt einzuführen, und wenn nach dieser Zeit sich herausstellt, dass wir die paar hundert Leser nicht finden können, die dazu noch bereit sind einmal im Jahr fünf Euro für die Schrift auszugeben, dann ist es höchste Zeit, um darüber nachzudenken, wie es weiter gehen soll.
Außerdem, wie man sieht, habe ich nicht vollständig den „Zarys“ aufgegeben, und wir setzen unsere Arbeit gerade in der elektronischen Version fort.

Die Zusammensetzung der Redaktion wurde nicht verändert, wir sind uns alle darin einig, dass diese Initiative fortgesetzt werden sollte, ich bin also guten Mutes. Schließlich gibt es auch nur zwei Optionen: Entweder beenden wir aus diesen oder anderen Gründen unsere Tätigkeit, oder alles entwickelt sich auf eine Weise, die aktuell niemand von uns vorauszusehen im Stande ist. Beide Optionen sind für mich voll akzeptabel. 
Ab Juli dieses Jahres ist eine neue Seite des „Zarys“ in Betrieb und – zu meiner Überraschung – ist das Interesse hieran größer, als an der Papier-Version. Mithin einerseits die Niederlage der Papier-Version, andererseits der Erfolg, denn die Interessiertheit im Netz ist viel größer, als ich erhofft hatte.

Wie sieht der Unterschied zwischen der Papier-Version und der elektronischen aus? Können wir  nächstfolgende Nummern der Schrift erwarten?

Aktuell sieht das so aus, dass wir ein Archiv haben, wo kostenlos fast alle Nummern des „Zarys“ zugänglich sind, sowie einen Teil mit neuen Texten, die sukzessiv hinzugefügt werden. Dazu kommen noch Aktualitäten und einige andere Rubriken. Das alles wird noch wachsen und sich ändern, denn in dieser Version haben wir schließlich fast unbegrenzte Möglichkeiten, aber das wird keine traditionelle Nummer wie in der Papier-Version sein.

Ich danke für das Gespräch.

Messel, 15. Oktober 2013        


Aus dem Polnischen übertragen von Erhard Brödner

 

1. Kulturmagazin „Zarys” 2007, Nr 6.


Antykwariat - tania książka
Thomas H. Barczyk

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